Serie: Origin Story — Episode 2 von 7
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8 Mietobjekte, 3 Fehler, 1.300€ verloren — und niemand hat’s gemerkt

Von Roland Fiege · April 2026 · 7 Min. Lesezeit

Es war irgendwann Mitte Oktober 2024. Wenn du Episode 1 gelesen hast, weißt du: Ich hatte zu dem Zeitpunkt 15 Jahre Steuerberater-Erfahrung hinter mir. Zwei Kanzleien. Beide mit Fehlern. Und ein wachsendes Gefühl, das man am besten so beschreibt: Was zur Hölle passiert eigentlich mit meinem Geld?

TL;DR: An einem Freitagabend habe ich zum ersten Mal meinen Steuerbescheid mit ChatGPT geprüft — und in 40 Minuten drei Fehler gefunden, die mein Steuerberater übersehen hatte: falsch eingestufte Renovierungskosten, vergessene Fahrtkosten und eine nicht beantragte Sonderabschreibung. Ergebnis: 1.300 Euro mehr Erstattung nach Einspruch.
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Also habe ich etwas getan, das ich in 15 Jahren nie getan hatte.

Ich habe meinen Steuerbescheid gelesen.

Nicht überflogen. Nicht die letzte Seite angeguckt, wo „Erstattung“ oder „Nachzahlung“ steht. Gelesen. Jede Zeile. Jede Zahl. Und zwar nicht allein, sondern mit einem ziemlich ungewöhnlichen Partner: ChatGPT.

Tatort: Küchentisch

Stell dir das vor. Freitagabend. Die Kinder schlafen. Meine Frau ist auf der Couch. Und ich sitze am Küchentisch, vor mir: der Steuerbescheid 2023 als PDF, mein Laptop, und ein leeres ChatGPT-Fenster.

Mein Plan war simpel. Ich wollte nur mal gucken. „Nur mal schauen, ob das alles passt.“ Das sagt man sich immer, bevor man eine Dose Würmer öffnet.

Ich habe den Bescheid als PDF hochgeladen und folgenden Prompt geschrieben:

„Prüfe diesen Steuerbescheid Zeile für Zeile. Vergleiche die erklärten Werte mit den festgesetzten Werten. Markiere jede Abweichung und erkläre, warum sie relevant sein könnte.“

Dann habe ich Enter gedrückt. Und mir einen Kaffee geholt. Weil — was soll schon rauskommen? Mein Steuerberater hatte den Bescheid ja geprüft. Er hatte gesagt: „Sieht alles gut aus.“

Fehler Nummer 1: Die 4.200-Euro-Renovierung

Die KI hat sich den Bescheid angesehen. Und dann kam die erste Markierung.

Bei Objekt 3 — einer Wohnung, die ich 2022 renoviert hatte — waren Renovierungskosten von 4.200 Euro als Herstellungskosten eingestuft worden. Das klingt harmlos. Ist es nicht.

Herstellungskosten werden über die Nutzungsdauer abgeschrieben. Bei einem Gebäude heißt das: 50 Jahre. Aus 4.200 Euro sofortigem Abzug werden 84 Euro pro Jahr. Das ist der Unterschied zwischen „ich setze das dieses Jahr komplett ab“ und „ich kriege das Geld in kleinen Häppchen bis ich 90 bin.“

Aber die Renovierung war Erhaltungsaufwand. Neues Bad, neue Fliesen, keine Erweiterung, keine wesentliche Verbesserung über den ursprünglichen Zustand hinaus. Das hätte komplett als Werbungskosten abgesetzt werden müssen. Sofort. In voller Höhe.

Mein Steuerberater hatte das so eingereicht. Das Finanzamt hatte es umqualifiziert. Und mein Steuerberater hatte den Bescheid „geprüft“ und es nicht bemerkt.

4.200 Euro. Versteckt in einer Zeile.

Fehler Nummer 2: Die verschwundenen Fahrtkosten

Nächste Markierung. Objekt 5. Fahrtkosten: fehlten komplett.

180 Euro. Ich weiß — klingt erstmal nach Peanuts. Aber 180 Euro an Fahrtkosten, die einfach vergessen wurden? Die bei der Erklärung drin waren und im Bescheid nicht mehr? Kein Hinweis, keine Erklärung, einfach weg?

Und das bei einem Posten, den mein Steuerberater hätte sehen müssen, wenn er den Bescheid auch nur eine Minute lang geprüft hätte. Weil: erklärter Wert minus festgesetzter Wert gleich Abweichung. Das ist kein Steuerrecht. Das ist Grundschul-Mathematik.

180 Euro. Einfach puff.

Fehler Nummer 3: Die vergessene Sonderabschreibung

Und dann kam der Hammer.

Objekt 7. Baujahr 2020. Und die KI fragte mich: „Wurde die Sonderabschreibung nach §7b EStG berücksichtigt?“

Ich musste ehrlich sagen: Ich wusste es nicht. Ich wusste gar nicht, was §7b EStG ist. Also habe ich nachgefragt. Und die KI hat mir erklärt, dass es für bestimmte Neubauwohnungen eine Sonderabschreibung gibt, die zusätzlich zur normalen AfA in Anspruch genommen werden kann. Fünf Prozent pro Jahr, in den ersten vier Jahren. Zusätzlich.

Bei meinem Objekt 7 hätte das angesetzt werden können. War es aber nicht. Weder von meinem Steuerberater beantragt noch vom Finanzamt berücksichtigt.

Ich saß am Küchentisch und starrte auf den Bildschirm. Drei Fehler. In einem einzigen Bescheid. Gefunden in weniger als einer Stunde. Von einer KI, die ich zum allerersten Mal dafür benutzt habe.

Das Ergebnis: 1.300 Euro und ein Einspruch

Ich habe alles zusammengerechnet. Die Auswirkungen der drei Fehler summierten sich auf rund 1.300 Euro mehr Erstattung. Geld, das auf dem Tisch gelegen hatte. Geld, das mein Steuerberater dort hatte liegen lassen.

Am nächsten Morgen — Samstag, die Kinder beim Frühstück, ich mit zu wenig Schlaf — habe ich den Einspruch formuliert. Wieder mit KI. Alle drei Punkte sauber aufgelistet, mit Paragraphen, mit Begründung.

Montag raus. Einspruch eingelegt. Fristgerecht.

Und dann saß ich da und dachte: Wenn das in einem einzigen Bescheid passiert — was ist in den 14 Jahren davor passiert? Wie viel Geld habe ich insgesamt liegen lassen?

Das ist eine Frage, die ich mir lieber nicht beantworte.

Der Einspruch: Wie ich es gemacht habe

Am Samstagmorgen — die Kinder wollten Pfannkuchen, ich wollte Gerechtigkeit — habe ich mich nochmal hingesetzt und die KI gebeten, mir einen strukturierten Einspruch zu formulieren. Ich habe ihr die drei Fehler genannt, die relevanten Paragraphen, die konkreten Beträge.

Der Prompt war simpel:

„Formuliere einen Einspruch gegen meinen Einkommensteuerbescheid 2023. Drei Punkte: 1) Renovierungskosten Objekt 3 (4.200 Euro) wurden als Herstellungskosten statt Erhaltungsaufwand behandelt. 2) Fahrtkosten Objekt 5 (180 Euro) fehlen komplett. 3) Sonderabschreibung §7b EStG für Objekt 7 wurde nicht berücksichtigt. Formuliere rechtssicher, mit Verweis auf die einschlägigen Paragraphen.“

Zehn Minuten später hatte ich einen sauberen Einspruch. Mit korrekten Paragraphen-Verweisen. Mit einer logischen Argumentation. Mit einer Aufstellung der finanziellen Auswirkungen. Ich habe ihn nochmal gegengelesen, ein paar Formulierungen angepasst — und dann abgeschickt.

Später habe ich einen Steuerrechts-Ratgeber quergelesen, um die Argumente der KI zu verifizieren. Alles korrekt. Jeder Paragraph stimmte. Jede Begründung war nachvollziehbar.

Was du als Vermieter daraus lernen kannst

Ich sage dir, was mich an der ganzen Sache am meisten schockiert hat: Es war so einfach. Nicht einfach im Sinne von „jeder Könnte das im Schlaf“. Einfach im Sinne von: Es war machbar. In einer Stunde. Am Küchentisch. Ohne Jura-Studium.

Und das bringt mich zu einer unbequemen Frage: Wenn ein Typ, der vorher noch nie seinen Steuerbescheid gelesen hat, in 40 Minuten drei Fehler findet — was sagt das über die Prüfqualität seines Steuerberaters?

Ich habe seitdem mit über 20 anderen Vermietern gesprochen. Die meisten haben ähnliche Geschichten. Vergessene Werbungskosten. Falsch eingestufte Renovierungen. Nicht geprüfte Bescheide. Der Klassiker: „Sieht alles gut aus.“

Und bei jedem einzelnen lag Geld auf dem Tisch. 500 Euro hier. 1.200 Euro dort. 800 Euro da drüben. Kleinere Beträge, die sich über die Jahre zu Zehntausenden summieren.

Wenn du acht Mietobjekte hast wie ich — in Mannheim, in der Pfalz, dazu ein EFH in Worms — dann hast du pro Jahr Dutzende Belege, mehrere Anlagen V und jede Menge Positionen, bei denen etwas schiefgehen kann. Die Frage ist nicht, ob in deinem Bescheid ein Fehler steckt. Die Frage ist, ob du ihn findest, bevor die Einspruchsfrist abläuft.

Ein Monat. Das ist die Frist. Ein Monat ab Bekanntgabe. Wenn du den Bescheid ungelesen in die Schublade legst — oder wenn dein Steuerberater ihn ungeprüft abheftet — dann ist das Geld weg. Endgültig.

Was mich das gelehrt hat

Es geht mir nicht um die 1.300 Euro. Okay — doch, es geht mir auch um die 1.300 Euro. Aber der eigentliche Punkt ist ein anderer:

Mein Steuerberater hat diesen Bescheid geprüft und für okay befunden. Er hat 3.200 Euro im Jahr dafür bekommen, meine acht Objekte steuerlich zu betreuen. Und er hat drei Fehler in einem einzigen Bescheid übersehen.

Eine KI hat die Fehler in 40 Minuten gefunden. Beim allerersten Versuch. Ohne Training. Ohne dass ich wusste, was ich tue.

Stell dir vor, was passiert, wenn man weiß, was man tut.

Und das bringt mich zum eigentlichen Punkt dieser Geschichte: Es geht nicht nur um meine 1.300 Euro. Es geht um ein System, das darauf basiert, dass du nicht hinschaust. Steuerberater prüfen Bescheide nicht Zeile für Zeile, weil das Zeit kostet. Das Finanzamt rechnet Posten um, weil Sachbearbeiter überlastet sind. Und du — der Vermieter, der das alles bezahlt — bekommst am Ende einen Brief mit „Sieht alles gut aus“ und denkst: Na dann.

Dieses System funktioniert nur, solange niemand prüft. Sobald jemand prüft — egal ob Mensch oder KI — fallen die Fehler raus wie reife Äpfel vom Baum.

Nächste Woche in Episode 3: Was passierte, nachdem ich die Fehler gefunden hatte. Wie ich angefangen habe, meine komplette Steuerverwaltung auf KI umzustellen — und warum der erste Monat härter war als gedacht.

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Über den Autor

Roland Fiege verwaltet 8 Mietobjekte, ist Senior Account Manager bei Axregio GmbH und hat mit PromptSteuer ein KI-System aufgebaut, mit dem Vermieter ihre Steuern selbst in den Griff bekommen.

Ehemals IPG Mediabrands (Frankfurt/London), TV-Experte (n-tv, ARD/ZDF), Gastdozent (FH Köln, Uni St. Gallen), publizierter Autor.

Dieser Artikel stellt keine Steuerberatung im Sinne des StBerG dar. Alle Inhalte dienen der allgemeinen Information und Selbsthilfe. Für individuelle steuerliche Fragen konsultiere einen zugelassenen Steuerberater.