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Ihr Steuerberater fliegt noch Propeller — und Sie sitzen mit drin

Von Roland Fiege · April 2026 · ~12 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • DATEV-Monopol bremst Innovation: Kanzleien stecken in einem geschlossenen Ökosystem mit eingeschränkten Schnittstellen fest.
  • Fachkräftemangel ist hausgemacht: Junge Fachkräfte wollen nicht mit Ordnern und Faxgeräten arbeiten — genau die Tools, die Kanzleien nicht modernisieren.
  • Haftung ist kein Argument gegen Digitalisierung — sondern dafür. Automatisierte Prozesse machen weniger Fehler als manuelle.
  • Mandanten zahlen die Zeche: Wochen Wartezeit, Nullachtfünfzehn-Beratung und intransparente Kosten sind die Folge.
  • Die Technologie existiert längst — es fehlt der Kulturwandel. Wer sich als Kanzlei jetzt nicht bewegt, verliert Mandanten und Mitarbeiter.

Es gibt Branchen, die haben die Digitalisierung verschlafen. Und dann gibt es die deutsche Steuerberatung. Die hat nicht verschlafen — die hat sich den Wecker aktiv ausgestellt, sich nochmal umgedreht und murmelt im Halbschlaf etwas von „Datenschutz“ und „das muss der Gesetzgeber erst freigeben“.

Wir schreiben das Jahr 2026. Künstliche Intelligenz schreibt Romane, komponiert Musik und steuert Autos. Aber Ihr Steuerberater braucht Ihre Belege bitte weiterhin sortiert nach Datum, getackert, in einem Ordner, persönlich vorbeigebracht. Am liebsten bis gestern. Ein Anruf wäre auch nett gewesen, aber das Fax geht natürlich auch.

Ich übertreibe? Kaum.

Wenn der Fortschritt an der Kanzleitür klingelt, ist niemand da

Schauen Sie sich mal um in der Landschaft der Steuerkanzleien. Es gibt Magazine — ja, Magazine — die im Jahr 2025 allen Ernstes Artikel veröffentlichen mit dem Titel: „Fünf Prozesse, die jede Kanzlei digitalisieren sollte.“ Darunter Knaller wie: Belegverarbeitung. Mandantenkommunikation. Das Erstgespräch mit Neukunden.

Lassen Sie das sacken. Die Branche feiert es als Innovation, wenn man Belege nicht mehr in Schuhkartons sammelt. In der Gastronomie bestelle ich per QR-Code am Tisch, beim Friseur buche ich online, mein Zahnarzt schickt mir automatische Terminerinnerungen per SMS. Aber mein Steuerberater? Der schickt einen Brief. Per Post. Mit Rückumschlag. Im Jahr 2026.

Und dann wundert man sich, dass junge Leute diesen Beruf nicht ergreifen wollen.

DATEV: Der goldene Käfig, den niemand verlassen darf

Man kann nicht über die Digitalisierung der Steuerberatung sprechen, ohne den Elefanten im Raum zu benennen: DATEV. Die Genossenschaft aus Nürnberg, die mit der sanften Bestimmtheit eines Monopolisten dafür sorgt, dass sich in dieser Branche genau so schnell etwas bewegt, wie DATEV es erlaubt.

DATEV ist für Steuerberater, was Windows 95 für Ihren Onkel war: Man kennt nichts anderes, man will nichts anderes, und wenn jemand etwas Neues vorschlägt, wird er angeschaut, als hätte er vorgeschlagen, die Buchhaltung auf Steintafeln umzustellen.

Das System funktioniert. Irgendwie. So wie ein Faxgerät funktioniert. Es tut, was es soll. Aber es ist eben ein Faxgerät in einer Welt, die längst per Satellit kommuniziert.

Und das Perfide: Je länger eine Kanzlei im DATEV-Ökosystem steckt, desto schwerer wird der Ausstieg. Daten? Exportiert man nicht einfach so. Schnittstellen? Nur die, die DATEV gnädig freigegeben hat. Integration mit modernen Tools? Bitte einen Antrag stellen, wird geprüft, dauert, kommt vielleicht 2029.

„Wir haben ja jetzt ChatGPT“ — Nein, haben Sie nicht

Der neueste Trend: Kanzleien entdecken KI. Das klingt erstmal gut. Bis man sieht, wie das in der Praxis aussieht.

Es gibt tatsächlich „Prompt-Datenbanken“ für Steuerberater. Da steht dann so etwas wie:

„Schreibe eine E-Mail an den Mandanten, in der du nach Unterlagen für die Steuererklärung fragst.“

Das ist kein KI-Einsatz. Das ist eine Schreibhilfe für Leute, die keine E-Mails schreiben wollen. Da könnte man auch eine Vorlage in Word speichern — ach warte, das tun die meisten ja auch schon. Seit 1998.

Oder mein persönlicher Favorit:

„Berechne die Einkommensteuer schrittweise.“

Ja klar. Lassen Sie die KI Ihre Steuer berechnen. Die halluziniert bei juristischen Sachverhalten zuverlässig wie ein übermüdeter Referendar in der mündlichen Prüfung, aber bei der progressiven Steuertarifberechnung mit Splittingverfahren und Günstigerprüfung — da wird das schon passen. Oder? (Wie KI bei Steuern tatsächlich sinnvoll funktioniert, lesen Sie in KI für die Steuererklärung: So nutzen Vermieter ChatGPT und Claude.)

Spoiler: Nein.

Das Problem ist nicht, dass Steuerberater KI nutzen wollen. Das Problem ist, dass sie KI nutzen wollen, ohne zu verstehen, was KI kann und was nicht. Und die Anbieter, die ihnen die Tools verkaufen, verschweigen die Limitationen geflissentlich. „Revolutionieren Sie Ihre Kanzlei!“ steht auf der Landing Page. „Ergebnisse bitte trotzdem komplett selbst prüfen“ steht im Kleingedruckten. Wenn überhaupt.

Die Altersstruktur: Ein Generationenproblem mit Ansage

Reden wir über den Elefanten Nummer zwei: die Demografie. Ein erheblicher Teil der Kanzleiinhaber in Deutschland ist über 55. Viele über 60. Das sind Menschen, die ihre Kanzlei in den 80ern oder 90ern gegründet haben, als „digital“ tatsächlich noch eine Schriftart war.

Diese Generation hat Steuerrecht gelernt, nicht Technologie. Und das ist auch völlig in Ordnung — niemand verlangt von einem Steuerberater, dass er programmieren kann. Aber man darf verlangen, dass er erkennt, wenn seine Prozesse aus einer anderen Epoche stammen.

Stattdessen passiert Folgendes: Der Kanzleiinhaber arbeitet, wie er immer gearbeitet hat. Die junge Mitarbeiterin, die frisch von der Hochschule kommt und fragt, warum man hier noch Ordner durch die Gegend trägt, bekommt zu hören: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Sechs Monate später ist sie weg. In der Industrie. Beim Fintech. Irgendwo, wo man WLAN hat und die Software jünger ist als man selbst.

Und dann jammert die Branche über Fachkräftemangel.

Die Ironie könnte nicht größer sein: Die gleichen Kanzleien, die keine Mitarbeiter finden, verweigern sich den Tools, die ihre bestehenden Mitarbeiter entlasten würden. Man hat keine Zeit für Digitalisierung, weil man nicht digitalisiert. Das ist kein Teufelskreis — das ist ein Teufelskreis, der sich selbst auditiert und für korrekt befindet.

Die Haftungsausrede: Wenn Vorsicht zur Ausrede wird

„Aber die Haftung!“ — das Totschlagargument, das in jeder Diskussion über Modernisierung gezückt wird.

Ja, Steuerberater haften. Ja, Fehler können teuer werden. Aber seit wann ist „Haftung“ ein Argument gegen bessere Werkzeuge? Chirurgen haften auch. Und trotzdem operieren sie nicht mehr mit Werkzeugen aus dem 19. Jahrhundert, nur weil man damit „schon immer gute Erfahrungen gemacht hat“.

Die Haftung ist kein Argument gegen Digitalisierung. Sie ist ein Argument für Digitalisierung. Automatisierte Prozesse machen weniger Fehler als manuelle. Digitale Checklisten vergessen nichts. Automatische Fristüberwachung verpasst keine Deadline. Der Mensch schon. (Welche Fehler Steuerberater bei Vermietern besonders häufig machen, zeigt unser Artikel 7 Fehler die Steuerberater bei Vermietern machen.)

Aber dazu müsste man den Systemen vertrauen. Und Vertrauen in Technologie setzt voraus, dass man Technologie versteht. Womit wir wieder beim Ausgangsproblem wären.

Der Mandant: Geisel einer Branche

Und wer leidet am Ende? Sie. Der Mandant. Sie sitzen da mit Ihren Belegen, Ihren Fragen und Ihrem durchaus berechtigten Wunsch, zeitnah zu erfahren, was Sie dem Finanzamt schulden oder was es Ihnen schuldet. Und was bekommen Sie?

Sie bezahlen einen Experten für Steuerrecht. Was Sie oft bekommen, ist ein Datenerfasser mit Berufstitel. Wenn Sie sich fragen, ob ein Wechsel sinnvoll ist: Steuerberater kündigen — Anleitung für Vermieter.

Was eigentlich möglich wäre

Stellen Sie sich kurz vor, wie Steuerberatung aussehen könnte:

Technologisch ist das alles heute möglich. Alles. Keine Zukunftsmusik, kein Prototyp, kein „in der nächsten DATEV-Version“. Es gibt Kanzleien, die das so machen. Nicht viele. Aber es gibt sie. Und mit dem 9. StBÄndG können bald auch Nicht-Steuerberater bestimmte Leistungen anbieten — der Druck auf die Branche wächst.

Der Rest sortiert Belege.

Ein unbequemes Fazit

Die deutsche Steuerberatung hat kein Technologieproblem. Die Technologie existiert. Sie hat ein Kulturproblem. Eine Branche, die sich hinter Haftung, Regulierung und „das haben wir schon immer so gemacht“ verschanzt, während die Welt um sie herum digital wird.

Das Bittere daran: Die Steuerberater, die sich jetzt nicht bewegen, werden in zehn Jahren nicht mehr da sein. Nicht weil KI sie ersetzt — sondern weil ihre Mandanten zu den Kanzleien wechseln, die es besser machen. Und weil ihre Mitarbeiter zu den Arbeitgebern wechseln, die es besser machen. Und weil irgendwann auch der letzte Schuhkarton voll ist.

Also, liebe Steuerberater: Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist halb eins. Das Meeting hat ohne Sie angefangen. Aber der Stuhl ist noch frei.

Setzen Sie sich. Oder sortieren Sie weiter Belege. Ihre Mandanten schauen sich derweil schon mal um. (10 Fragen, die Sie Ihrem Steuerberater stellen sollten — bevor Sie eine Entscheidung treffen.)

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Über den Autor: Roland Fiege ist Vermieter mit acht Mietobjekten, der seine eigenen Belege schneller per KI sortiert, als seine Kanzlei sie per Hand erfasst hat. Und der sich fragt, wer hier eigentlich wen berät.

Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Steuerberatung dar. Alle Inhalte dienen der allgemeinen Information. Für individuelle steuerliche Fragen wende dich an einen Steuerberater oder Lohnsteuerhilfeverein. Angaben ohne Gewähr. Siehe auch: § 2 Abs. 1 StBerG.